 |
|
|
 |
Lage besser als der Augenschein
Kriminalität in Ungarn im europäischen Vergleich
Zwar klagt die ungarische Bevölkerung über eine verschlechterte Sicherheitslage sowie eine Zunahme an Straftaten, doch zeichnen EU-Statistiken ein anderes Bild. Demnach scheint Ungarn eines der sichersten Länder Europas zu sein. Nur bei der Korruption liegt man an der Spitze und die Aufklärungsrate der ungarischen Polizei ist miserabel.
Über diesen Widerspruch befragten wir György Virág, PhD., den Vorstand des Landesinstituts für Kriminologie. Die seit 50 Jahren arbeitende Institution ist eine der wichtigsten ihrer Art in Mitteleuropa und dient neben der Forschung auch der Ausbildung von Staatsanwälten.
Der Direktor zitiert Statistiken der Union, aus denen seit 2005 ein allgemeiner Rückgang der Kriminalität auf das Niveau der 1990er Jahre hervorgeht. Angesichts dieser Zahlen könne Ungarn keinesfalls als eine Art Zentrum für Kriminelle betrachtet werden. Ganz im Gegenteil: Im europäischen Vergleich handelt es sich eher um eine Oase des Friedens und der Ruhe... Dass das wohl „leicht“ übertrieben ist, wissen wir alle – doch schauen wir uns die Zahlen genauer an.
Es trifft ein Prozent
Einbruch, Diebstahl, Raub und andere Gewalttaten sind mit Ausnahme Belgiens und Irlands überall in der Union auf dem Rückzug. Mitte dieses Jahrzehnts verzeichneten Irland, Großbritannien, Estland, die Niederlande und Dänemark die höchsten Kriminalitätsraten. Die niedrigsten fanden sich demgegenüber in Spanien, Ungarn, Portugal und Finnland. Das Risiko attackiert zu werden war in Großbritannien, Irland und den Niederlanden am größten; in Italien, Portugal und Ungarn hingegen am niedrigsten. In Ungarn wurde eine Person unter hundert auf der Straße angegriffen.
Damit gehört das Land zu den drei besten in Europa. Auch die Zahl von Sexual- und Drogendelikten war vergleichsweise sehr klein. Durchschnittlich wurden 15 Prozent der EU-Bevölkerung Opfer einer Straftat. Dieser Satz liegt in Großbritannien, Irland und Estland über 20 Prozent – dagegen in Spanien, Ungarn und Portugal lediglich um die zehn Prozent. Diese Länder, dazu noch Frankreich, Österreich und Griechenland, nehmen die untersten Ränge in den europäischen Kriminalstatistiken ein.
Demgegenüber belegt das Ungarnland eine Spitzenposition im Bereich der Korruption. Hierzulande werden die öffentlich Bediensteten am häufigsten „geschmiert“. Auch in Griechenland und Polen ist die Lage nicht besonders günstig. Trotz dieser an sich verhältnismäßig positiven Zahlen und der Tatsache, dass die Situation in Ungarn nicht schlechter als der europäische Durchschnitt ist, fühlt sich die Bevölkerung – nicht zuletzt beeinflusst durch die oft übertriebenen Berichte der Medien – längst nicht so sicher, räumt der Fachmann ein. Übrigens werden 80 Prozent der Fälle der Polizei gemeldet, was ebenfalls dem europäischen Durchschnitt entspricht.
Ausländer sicher
Seit den 1980er Jahren steigt in Ungarn die Kriminalität. Noch 1968 wurden lediglich rund 118.000 Straftaten angezeigt – 1989 waren es bereits 225.000. Ein dramatischer Zuwachs ging mit der Wende einher. Das Verschwinden der Diktatur und seiner Sicherheitsorgane sorgte bereits 1989 für einen Zuwachs von über 21 Prozent, weitere 50 Prozent waren es 1990 und noch fast 30 Prozent im Jahr darauf. Den Höhepunkt bildete das Jahr 1998 mit über 600.000 Fällen. Seitdem gibt es einen ständigen, wenn auch geringfügigen Rückgang.
Die Zahl der Straftaten bewegt sich seit 2002 zwischen 400.000 und 436.000. Interessant ist dabei, dass 2008 mit über elf Prozent den ersten bedeutenden Zuwachs seit langen Jahren brachte. Nichtsdestoweniger scheint es auch einen Rückgang bei einigen Gewaltverbrechen zu geben. 2003 wurden in Ungarn 228 Menschen ermordet. Seitdem sinkt die Zahl der Tötungsdelikte: Im Vorjahr waren es noch 147 Fälle. Allerdings nahmen die Angriffe mit schwerer Körperverletzung um 12 Prozent zu.
Laut den Statistiken können sich auch Ausländer recht sicher in Ungarn fühlen. Während sich die Zahl der Besucher und Durchreisenden von 31 Millionen im Jahre 2000 auf 40 Millionen im Vorjahr erhöht hat, gab es einen fast 60-prozentigen Rückgang bei den an Ausländern verübten Straftaten. 1998 waren rund 17.000 solcher Fälle registriert worden, 2007 nur noch rund 7.200.
Schärfere Strafen helfen nicht
Die andere, weniger vorteilhafte Seite der Medaille ist freilich die ungenügende Effektivität der ungarischen Polizei. Hierzulande wird der geringste Anteil der Fälle aufgeklärt – Ungarn bildet diesbezüglich gemeinsam mit Griechenland und Estland das Schlusslicht.
Auf die Frage der Roma-Kriminalität reagiert der Gelehrte eher verärgert. Er erinnert daran, dass die Behörden laut Gesetz Verdächtige, Täter oder Gefängnisinsassen gar nicht nach solcherlei Kriterien einstufen dürfen. Folglich existierten solche Statistiken nicht. Dementsprechend seien auch Behauptungen von Politikern (der Rechten – Anm.d.Red.) über „Roma-Kriminalität“ aus der Luft gegriffen. Immerhin lässt Dr. Virág gelten, dass, da die Mehrheit der Roma mit sehr schwierigen Lebensverhältnissen zu kämpfen habe, es plausibel sei, wenn auch die Mehrheit der Täter aus dieser Schicht kommen könnte. Zu dem Thema „Zigeuner-Mafias“ könne er nur sagen: Solcherlei Gruppen gibt es auch in anderen Gesellschaftsschichten.
Vorschläge der Opposition, nach amerikanischem Vorbild das Strafmaß für Wiederholungstäter stark zu verschärfen, hält der Fachmann für kaum zielführend: Es gebe keine Beweise, dass die Todesstrafe in den USA oder härtere Urteile die Sicherheitslage verbessert hätten.
Zum Abschluss des Gesprächs äußert sich Virág besorgt über das Renommee der Justiz: „Sowohl die Polizei, als auch die Gerichte gelten vielfach als korrupt. Es wird immer öfter an der Unparteilichkeit der Urteile gezweifelt.
Lage besser als der Augenschein
Kriminalität in Ungarn im europäischen Vergleich
Zwar klagt die ungarische Bevölkerung über eine verschlechterte Sicherheitslage sowie eine Zunahme an Straftaten, doch zeichnen EU-Statistiken ein anderes Bild. Demnach scheint Ungarn eines der sichersten Länder Europas zu sein. Nur bei der Korruption liegt man an der Spitze und die Aufklärungsrate der ungarischen Polizei ist miserabel.
Über diesen Widerspruch befragten wir György Virág, PhD., den Vorstand des Landesinstituts für Kriminologie. Die seit 50 Jahren arbeitende Institution ist eine der wichtigsten ihrer Art in Mitteleuropa und dient neben der Forschung auch der Ausbildung von Staatsanwälten.
Der Direktor zitiert Statistiken der Union, aus denen seit 2005 ein allgemeiner Rückgang der Kriminalität auf das Niveau der 1990er Jahre hervorgeht. Angesichts dieser Zahlen könne Ungarn keinesfalls als eine Art Zentrum für Kriminelle betrachtet werden. Ganz im Gegenteil: Im europäischen Vergleich handelt es sich eher um eine Oase des Friedens und der Ruhe... Dass das wohl „leicht“ übertrieben ist, wissen wir alle – doch schauen wir uns die Zahlen genauer an.
Es trifft ein Prozent
Einbruch, Diebstahl, Raub und andere Gewalttaten sind mit Ausnahme Belgiens und Irlands überall in der Union auf dem Rückzug. Mitte dieses Jahrzehnts verzeichneten Irland, Großbritannien, Estland, die Niederlande und Dänemark die höchsten Kriminalitätsraten. Die niedrigsten fanden sich demgegenüber in Spanien, Ungarn, Portugal und Finnland. Das Risiko attackiert zu werden war in Großbritannien, Irland und den Niederlanden am größten; in Italien, Portugal und Ungarn hingegen am niedrigsten. In Ungarn wurde eine Person unter hundert auf der Straße angegriffen.
Damit gehört das Land zu den drei besten in Europa. Auch die Zahl von Sexual- und Drogendelikten war vergleichsweise sehr klein. Durchschnittlich wurden 15 Prozent der EU-Bevölkerung Opfer einer Straftat. Dieser Satz liegt in Großbritannien, Irland und Estland über 20 Prozent – dagegen in Spanien, Ungarn und Portugal lediglich um die zehn Prozent. Diese Länder, dazu noch Frankreich, Österreich und Griechenland, nehmen die untersten Ränge in den europäischen Kriminalstatistiken ein.
Demgegenüber belegt das Ungarnland eine Spitzenposition im Bereich der Korruption. Hierzulande werden die öffentlich Bediensteten am häufigsten „geschmiert“. Auch in Griechenland und Polen ist die Lage nicht besonders günstig. Trotz dieser an sich verhältnismäßig positiven Zahlen und der Tatsache, dass die Situation in Ungarn nicht schlechter als der europäische Durchschnitt ist, fühlt sich die Bevölkerung – nicht zuletzt beeinflusst durch die oft übertriebenen Berichte der Medien – längst nicht so sicher, räumt der Fachmann ein. Übrigens werden 80 Prozent der Fälle der Polizei gemeldet, was ebenfalls dem europäischen Durchschnitt entspricht.
Ausländer sicher
Seit den 1980er Jahren steigt in Ungarn die Kriminalität. Noch 1968 wurden lediglich rund 118.000 Straftaten angezeigt – 1989 waren es bereits 225.000. Ein dramatischer Zuwachs ging mit der Wende einher. Das Verschwinden der Diktatur und seiner Sicherheitsorgane sorgte bereits 1989 für einen Zuwachs von über 21 Prozent, weitere 50 Prozent waren es 1990 und noch fast 30 Prozent im Jahr darauf. Den Höhepunkt bildete das Jahr 1998 mit über 600.000 Fällen. Seitdem gibt es einen ständigen, wenn auch geringfügigen Rückgang.
Die Zahl der Straftaten bewegt sich seit 2002 zwischen 400.000 und 436.000. Interessant ist dabei, dass 2008 mit über elf Prozent den ersten bedeutenden Zuwachs seit langen Jahren brachte. Nichtsdestoweniger scheint es auch einen Rückgang bei einigen Gewaltverbrechen zu geben. 2003 wurden in Ungarn 228 Menschen ermordet. Seitdem sinkt die Zahl der Tötungsdelikte: Im Vorjahr waren es noch 147 Fälle. Allerdings nahmen die Angriffe mit schwerer Körperverletzung um 12 Prozent zu.
Laut den Statistiken können sich auch Ausländer recht sicher in Ungarn fühlen. Während sich die Zahl der Besucher und Durchreisenden von 31 Millionen im Jahre 2000 auf 40 Millionen im Vorjahr erhöht hat, gab es einen fast 60-prozentigen Rückgang bei den an Ausländern verübten Straftaten. 1998 waren rund 17.000 solcher Fälle registriert worden, 2007 nur noch rund 7.200.
Schärfere Strafen helfen nicht
Die andere, weniger vorteilhafte Seite der Medaille ist freilich die ungenügende Effektivität der ungarischen Polizei. Hierzulande wird der geringste Anteil der Fälle aufgeklärt – Ungarn bildet diesbezüglich gemeinsam mit Griechenland und Estland das Schlusslicht.
Auf die Frage der Roma-Kriminalität reagiert der Gelehrte eher verärgert. Er erinnert daran, dass die Behörden laut Gesetz Verdächtige, Täter oder Gefängnisinsassen gar nicht nach solcherlei Kriterien einstufen dürfen. Folglich existierten solche Statistiken nicht. Dementsprechend seien auch Behauptungen von Politikern (der Rechten – Anm.d.Red.) über „Roma-Kriminalität“ aus der Luft gegriffen. Immerhin lässt Dr. Virág gelten, dass, da die Mehrheit der Roma mit sehr schwierigen Lebensverhältnissen zu kämpfen habe, es plausibel sei, wenn auch die Mehrheit der Täter aus dieser Schicht kommen könnte. Zu dem Thema „Zigeuner-Mafias“ könne er nur sagen: Solcherlei Gruppen gibt es auch in anderen Gesellschaftsschichten.
Vorschläge der Opposition, nach amerikanischem Vorbild das Strafmaß für Wiederholungstäter stark zu verschärfen, hält der Fachmann für kaum zielführend: Es gebe keine Beweise, dass die Todesstrafe in den USA oder härtere Urteile die Sicherheitslage verbessert hätten.
Zum Abschluss des Gesprächs äußert sich Virág besorgt über das Renommee der Justiz: „Sowohl die Polizei, als auch die Gerichte gelten vielfach als korrupt. Es wird immer öfter an der Unparteilichkeit der Urteile gezweifelt.
http://www.pesterlloyd.net/2009_10/0910krimistatistik/0910krimistatistik.html
|
 |
 |
| |
|