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18.3.2004 Kosovaren streben baldige Unabh?ngigkeit an Interview mit Marie-Janine Calic, Balkanexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik Moderatorin: Christine Heuer
UNO-Fahrzeuge trennen Albaner und Serben in Mitrovica, Kosovo (Foto: AP) mehr...
18.3.2004 Kosovaren streben baldige Unabh?ngigkeit an Interview mit Marie-Janine Calic, Balkanexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik Moderatorin: Christine Heuer
UNO-Fahrzeuge trennen Albaner und Serben in Mitrovica, Kosovo (Foto: AP) Heuer: Am Telefon ist jetzt Marie-Janine Calic, Balkanexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Guten Tag, Frau Calic.
Calic: Guten Tag.
Heuer: Wieso eskaliert die Gewalt im Kosovo gerade jetzt?
Calic: In den letzten Monaten hat sich wachsender Druck aufgebaut von Seiten der Albaner, die Albaner sind frustriert, dass sie immer noch nicht alle Institutionen im Kosovo selber regieren k?nnen und sie dr?ngen auf Unabh?ngigkeit. Kosovo ist ja seit 1999 international verwaltet und der Status blieb offen, die Kosovaren w?rden lieber heute als morgen Unabh?ngigkeit erreichen und sie glauben, dass ihnen dabei die Minderheiten, insbesondere die Serben aber auch die UNO dabei im Wege stehen. Die UNO andererseits verlangt, dass erst bestimmte Standards erf?llt sein m?ssen, institutionell und auch in Bezug auf die Minderheitenrechte, bevor ?ber den Status gesprochen werden kann. Vor diesem Hintergrund glauben vielen Kosovaren, dass eigentlich die Serben und auch die anderen Minderheiten Schuld daran sind, dass sie ihre politischen Aspirationen nicht verwirklichen k?nnen. Die werden zu S?ndenb?cken gemacht f?r alles m?gliche, was im Kosovo schief l?uft und gleichzeitig eben auch leider die UNO und die KFOR werden da mit in einen Topf geworfen.
Heuer: Die Gewalt geht in diesem Fall, diesmal also ganz eindeutig von den Albanern aus?
Calic: Ja, es hat leider in den letzten Monaten und Jahren, muss man sagen, immer ethnische Gewalt gegeben. Seit 1999 sind rund 240.000 Nicht-Albaner aus dem Kosovo vertrieben worden, vor allem Serben aber auch Zigeuner und diese Menschen konnten bis heute nicht zur?ckkehren. Zwei Ereignisse haben, glaube ich, die Kosovaren besonders aufgebracht in den letzten Wochen und Tagen, das Eine ist der Beginn des direkten Dialogs zwischen Belgrad und Pri?tina, der von der UNO verordnet wurde. Die Kosovaren haben sich dagegen gewehrt, es soll darum gehen bestimmte praktische Fragen zwischen Belgrad und Pri?tina zu l?sen, aber die Kosovaren glauben, dass das nur ein Ablenkungsman?ver ist und sie wollen eigentlich die Unabh?ngigkeit ohne jeglichen Dialog mit Belgrad. Das Zweite, glaube ich, ist der Machtwechsel in Belgrad hin zu einer eher konservativen und nationalen Regierung und der neue Premierminister Ko?tunica hat in den letzten Tagen das Kosovothema wieder aufgebracht und hat die Kantonisierung Kosovos verlangt und darin sehen viele Kosovaren einen ersten Schritt in Richtung Aufteilung ihrer Provinz und sie wollen nat?rlich die territoriale Integrit?t erhalten und das Kosovo in den jetzigen Grenzen in die Unabh?ngigkeit f?hren.
Heuer: Welche Rolle, Frau Calic, spielt denn in dieser Situation Albanien? Gibt es f?r so etwas wie gro?albanische Fantasien Unterst?tzung?
Calic: Es gibt Gruppen, sowohl in Albanien wie auch im Kosovo und auch in Mazedonien, die solche gro?albanischen Fantasien haben, aber es ist sicherlich keine Mehrheitsmeinung, sondern das sind radikale Minderheiten. Albanien selber ist doch sehr zur?ckhaltend gewesen und das hat einen ganz einfachen Grund, n?mlich die europ?ische Perspektive. Albanien verhandelt ?ber ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen und kann sich solche Fantasien gar nicht leisten, ist da sehr zur?ckhaltend und ich glaube, dass die albanische F?hrung auch wei?, dass das ganz unrealistisch w?re, eine solche gro?albanische Fantasie weiterzuverfolgen.
Heuer: Albanien ist zur?ckhaltend, gilt das auch f?r den Pr?sidenten der Provinz Kosovo, also f?r Ibrahim Rugova, der ja auch Albaner ist?
Calic: Rugova repr?sentiert nat?rlich als Staatsoberhaupt die gesamte Provinz, auch er ist ein Anh?nger der m?glichst schnellen Unabh?ngigkeit der Provinz und einer Unabh?ngigkeit, die m?glichst ohne jede Bedingungen vonstatten gehen soll. Das ist nat?rlich ganz unakzeptabel aus internationaler Sicht, denn es ist klar, dass erst Institutionen funktionieren m?ssen, dass Rechtsstaatlichkeit etabliert sein muss und dass vor allem die ausufernde Gewalt und leider auch grenz?berschreitende organisierte Kriminalit?t, die vom Kosovo ausgeht in den Griff bekommen werden muss. Leider gibt es im Kosovo bei den politischen Eliten wenig Verst?ndnis daf?r, dass eben solche Bedingungen, also bestimmte Standards erst erf?llt sein m?ssen, bevor ?ber den Staat des Kosovos langfristig diskutiert werden kann.
Heuer: Jetzt schickt die NATO ja zus?tzlich 350 Friedenssoldaten ins Kosovo, dort sind ja schon fast oder ann?hernd 20.000 KFOR-Soldaten stationiert. Bringt das denn jetzt was?
Calic: Ja, ich glaube das Signal ist wichtig, denn wir haben ja gesehen, dass die Sicherheitslage sehr gef?hrlich ist und dass es in bestimmten Hot-Spots, also in bestimmten Spannungsregionen notwendig ist, zus?tzliches Sicherheitspersonal zu entsenden, um eine gewisse abschreckende Wirkung zu erzielen oder um auch einfach zu signalisieren, dass die NATO dieser ausufernden Gewalt nicht tatenlos gegen?berstehen wird. Ich glaube, dass in den letzten Monaten es eine Tendenz gegeben hat, sich die Situation ein bisschen sch?n zu reden von internationaler Seite. Dahinter steht der Wunsch zu mehr Normalisierung und l?ngerfristig auch dieses Projekt Kosovo zu einem Erfolg zu f?hren und die internationale Pr?senz zu reduzieren, aber leider ist das ein sehr langfristiger Prozess und ich glaube, schnelle Resultate sollten wir nicht erwarten.
Heuer: Nun hat die serbische Regierung der NATO milit?rische Hilfe im Kosovo angeboten. Sollte das B?ndnis ein solches Angebot ernstlich erw?gen?
Calic: Nein, das ist nat?rlich ganz ausgeschlossen, denn nach der NATO-Intervention und dem Kosovo-Krieg ist es ganz unvorstellbar, das noch mal serbische Truppen in den Kosovo zur?ckkehren w?rden, das w?rde ja vielmehr Unruhe und Konfliktpotential schaffen als Gutes tun. Belgrad sieht nat?rlich jetzt eine Gelegenheit, sich wieder ins Spiel zu bringen und die NATO anzuprangern und ?berhaupt auch die internationale Staatengemeinschaft anzuprangern. Belgrad erhebt ja immer noch Rechtsanspruch auf Kosovo, beharrt auf dem Standpunkt, dass Kosovo im Grunde genommen ein Bestandteil, ein v?lkerrechtlicher Bestandteil Serbiens ist. Tats?chlich ist es aber so, dass der Status offen ist und ?ber seine endg?ltige Statusl?sung wird international verhandelt werden m?ssen.
Heuer: Marie-Janine Calic war das, sie ist die Balkanexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Ich danke Ihnen f?r das Gespr?ch, Frau Calic.
Calic: Bitte sehr.
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